TUNESIEN                                                            Angelika Gutsche

000 FlaggeMit dem Camper durch das
nachrevolutionäre Tunesien
April 2012

Januar letzten Jahres hatten wir einen Besuch bei unseren tunesischen Freunden geplant. Die Fähre war bereits gebucht und unser VW-Syncro-Camper gepackt als zur Überraschung der ganzen Welt in Tunesien die Revolution ausbrach. Der so genannte „arabische Frühling“ nahm seinen Anfang und wir verabschiedeten uns fürs Erste von unseren Tunesien-Plänen und buchten die Fähre auf Malta um.

Ein Jahr später, im März dieses Jahres, holen wir unsere Tunesien-Reise nach. Was wir bisher von diesem Land kennen, sind seine Hauptstadt Tunis, das religiöse Zentrum Kairouan, die Ausgrabungen von Karthago und natürlich die Touristenhochburgen auf der Halbinsel Djerba. Nun ist es an der Zeit, auch Ziele weiter im Landesinneren zu erkunden.

Nach einer siebenstündigen Schiffsreise von Trapani auf Sizilien nach Tunis und einem Kurzaufenthalt bei Freunden im nahe Tunis gelegenen Mornaq – in der quirligen Kleinstadt mit dem bunten Markt vervollständigen wir unseren Reiseproviant – machen wir uns mit unserem Hund Wolfi im VW-Camper mit großer Neugierde zu einer Erkundungstour durch das „neue“ Tunesien auf.
 

Youtube-Video “Tunesien 2012”

Reportage: “Tunesien - gefangen in der Stunde null”

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Inhalt:

01 Reste alter Römerstädte

02 Im westlichen Landesinnern

03 Entlang der algerischen Grenze nach Süden

04 Über den Djebel Chambi in die Phosphat-Berge

05 Datteloasen

06 Durch das Schott El Gharsa nach Touzeur

07 Hammam und Campingplatz

08 Marabuts und Nationalparks

09 Ausflug in die Dünen

10 Wieder nach Norden durch das Schott El Fejadj und die Blauen Berge

11 Der Jebel Haddège und sein Nationalpark

12 Brennende Barrikaden in El Guettar und anderswo

13 Game-Drive im Bou-Hedma-Nationalpark

14 Schafwiesen und Filmaufnahmen

15 Makhtar und eine kaputte Lichtmaschine

16 Über den Forêt de Kesra zurück an die Küste

17 Ausflüge auf das Cap Bon

18 Abschied

19 Links und Literatur
 


01 Reste alter Römerstädte

Zunächst möchten wir die römischen Ausgrabungen, die auf unserem Weg in den Süden liegen, besuchen.
Tunesien Lagerplatz  bei Kasserine

Schon bald erreichen wir den archäologischen Park von Uthina (Oudhna), eine für römische Kriegsveteranen erbaute Siedlung, die im 1. und 2. Jh. n. Chr. ihre Blütezeit erlebte. Wir sind erstaunt über die gewaltigen Ausmaße des Ausgrabungsgeländes und den guten Zustand des Amphitheaters, des Kapitols und vieler anderer Gebäude.

Tunesien Uthina

Unweit von Uthina ziehen sich die Reste eines riesigen römischen Aquädukts kilometerlang durch die landwirtschaftlich genutzte Ebene. Sein Wasser bezog es einst aus dem gewaltigen Gebirgsmassiv der Zaghouan-Berge, auf die wir nun zuhalten.

Tunesien Römisches Aquädukt bei Uthina

Nach einem Stadtbummel durch die Stadt Zaghouan besuchen wir das nahe gelegene Nymphäum, wo einst die Römer die hier in den Bergen enspringenden Quellen fassten. Heute ist um das Nymphäum ein weitläufiger Park angelegt: ein beliebtes Ausflugsziel für tunesische Familien.

Tunesien Zaghouan      Tunesien Nymphäum bei Zaghouan

Als nächstes erreichen wir die Ruinen von Thuburbo Majus, im 2. Jh. n.Chr. eine der wichtigsten römischen Handelsstädte auf nordafrikanischem Boden. Thuburbo Majus lohnt auch heute noch einen Besuch.
Tunesien Thuburbo Majus

Nicht entgehen lassen wir uns natürlich die Ruinen der imposanten römischen Stadt Dougga, einst eine phönizische Siedlung und später dank ihres Getreidehandels eine der reichsten Städte im römischen „Africa“. Wie auch schon bei den anderen Ausgrabungen beeindruckt der gute Zustand der Anlagen. Auf römischen Straßen schlendern wir über das Forum, besteigen die Treppen zum Capitol und lassen uns auf antiken Theatersitzen nieder. In Dougga blieb auch ein interessant gestaltetes libysch-punisches Mausoleum erhalten.

Tunesien Dougga libysch-punisches Grabmal

02 Im westlichen Landesinnern

Natürlich besuchen wir auch die auf dem Weg liegenden Städte wie Zaghouan oder El Fahs, besichtigen die malerischen Medinas und machen Halt an den kleinen Restaurants, an denen das außen hängende Lammfell anzeigt, dass die gerade auf dem Grill brutzelnden Koteletts aus frischer Schlachtung stammen. Zum gebratenen Fleisch wird ein knackig-frischer Salat und Baguette gereicht. Nur mit Wolfi gibt’s in Städten ein Problem: Seine sensible Nase scheint den Angst- und Blutgeruch von Schlachtungen wahrzunehmen. Er reagiert verängstigt, zittert am ganzen Körper und weigert sich, den Camper zu verlassen. Stadtbesichtigungen müssen wir in der Regel ohne ihn absolvieren.

Tunesien bei El Fahs

Die Nächte verbringen wir neben Bergpisten und auf Feldwegen, in Olivenhainen oder bei Gehöften. Ohne einen geländegängigen Camper wäre diese Reise kaum möglich, denn im Landesinnern mangelt es an touristischer Infrastruktur: Wir finden keine geöffneten Campingplätze und die meisten Hotels, falls überhaupt vorhanden, entsprechen nicht wirklich europäischen Standards. An unseren Lagerplätzen kommen ab und zu Jugendliche vorbei, die auf der Suche nach einem Ort sind, wo sie gemütlich ein paar Dosen Bier leeren können. In der Regel bleiben wir aber ungestört. Die Erwachsenen begrüßen uns mit solcher Freude, Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit wie wir es aus keinem anderen Land kennen. Die Menschen sehen in uns wohl die touristische Schwalbe, die aber auch hier noch keinen Sommer macht. Denn sowohl in den Städten als auch in den archäologischen Parks sind ausländische Touristen Mangelware. Nur einige tunesische Besucher und Schulklassen sind zwischen den Ruinen unterwegs. Anders als in manchen anderen arabischen Ländern scheinen die Tunesier großes Interesse auch an ihrer nicht-islamischen Vergangenheit zu haben.

Tunesien Lagerplatz  mit Blick auf Dougga

Wir freuen uns über die auf Masten und Türmen brütenden Störche, die bei Landungsanflügen mit ihren langen Beinen eine lustige Figur machen, kaufen frisches Obst und Gemüse an den bunten Marktständen und füllen unseren Wassertank an Brunnen auf, die frisches Bergwasser spenden. Wenn die Menschen für kleine Hilfsdienste kein Geld nehmen wollen, stecken wir ihnen eine Schachtel Zigaretten zu.

Tunesien Störche bei Dougga

Auf der Fahrt nach El Kef halten wir bei der römischen Ausgrabung von Mustis, wo wir in den Genuss einer ausgezeichneten Führung durch den sympathischen Monsieur Boubakri kommen, der  hier seit vierzig Jahren seinen Dienst versieht. Grundsätzlich sei an dieser Stelle erwähnt, dass es sich für uns immer lohnte, einen Führer durch die antiken Stätten zu nehmen. Alle erwiesen sich als gut informiert und konnten uns auf einiges Interessante hinweisen, das sich in keinem Reiseführer findet – ganz abgesehen davon, dass die Führer mangels Touristen froh über jeden eingenommenen Dinar sind.

Tunesien Mustis

Der Besichtigung von El Kef widmen wir einen ganzen Vormittag: Nach dem Besuch der unvermeidlichen römischen Ruinen geht’s hoch zur Kasbah, dann in der Altstadt zum nahe gelegenen, nett und informativ gestalteten Heimatmuseum. Auch hier erzählt uns ein sympathischer Führer interessante Dinge über die Lebenswelten der Berber. So erfahren wir zum Beispiel, dass sich die Frauen zum Glätten und zum Anbringen von Ornamenten auf Keramikwaren leere Schneckenhäuser über die Fingerkuppen stülpen.

Tunesien  El Kef

03 Entlang der algerischen Grenze nach Süden

Nahe der algerischen Grenze fahren wir in südlicher Richtung durch saftige Graslandschaft mit unzähligen Schafherden Richtung Table de Jugurtha. Eine neue Straße auf diesen 1270 Meter hohen Tafelberg ist gerade im Bau, für unseren geländegängigen Camper ist die Trasse kein Problem. Doch müssen auch wir das letzte Stück, das steile Stufen hinauf führt, zu Fuß bewältigen. Das an allen Seiten steil abfallende Plateau stellte einst eine uneinnehmbare Festung dar, deren einziger Zugang diese Treppe war. Jugurtha (160-104 v.Chr.) war ein numidischer König, dem der nach ihm benannte Berg als Zufluchtsort vor den Römern gedient haben soll. Unser Führer erzählt, auch die Männer seines Dorfes hätten sich während der Kämpfe im algerisch-französischen Krieg hierher zurückgezogen. Heute befindet sich auf dem Plateau ein Marabut mit zwei Heiligengräbern, den uns der Führer aufschließt. Für Gläubige sind im Grabmal Schlafmatten ausgelegt, damit sie die Nacht in der Nähe des Heiligen verbringen können. Daneben durchziehen prähistorische Höhlenwohnungen große Teile des Plateaus, auf dem heute wenige Esel und Schafe die kargen Gräser und Flechten abweiden. Der Blick hinunter in die Ebene und bis weit hinein nach Algerien ist atemberaubend. Inzwischen ist auch ein junges tunesisches Paar eingetroffen. Wie wir erfahren, befinden sich die Beiden auf Hochzeitsreise. Sie laden uns zum Picknick ein: Es gibt Lammgulasch mit Gemüse und Weißbrot.


Tunesien  Table de Jugurtha  
Tunesien Aufstieg  Table de Jugurtha

Tunesien Table de Jugurtha

Und wieder steht eine antike Siedlung auf dem Programm: Das römische Sufetula liegt direkt am Rande der Stadt Speitla. Hier finden sich neben Kapitol und Forum aus dem 2. Jh. auch antike Ölpressen und frühchristliche Kirchen aus dem 5. Jh. Das Museum ist leider geschlossen. Wir erfahren, dass es während der Revolution geplündert wurde.

Tunesien  Sufetula

04 Über den Djebel Chambi in die Phosphat-Berge

Es ist schon spät, doch wir wollen heute noch zum Nationalpark Djebel Chambi nahe der Stadt Kasserine. Am Tor gewährt uns der Beamte, nach telefonischer Rücksprache mit der Forstverwaltung und nachdem er unsere Passdaten notiert hat, Einlass. Die Straße führt den dicht bewaldeten Berg hoch und je weiter wir nach oben kommen, desto fantastischere Ausblicke ergeben sich. Auf der Rückfahrt passieren wir die offen stehende Schranke einer Nebenstraße und gelangen nach wenigen Kilometern zu einer weiten Lichtung. In der langsam einsetzenden Abenddämmerung breiten sich vor uns die Reste einer römischen Siedlung aus, antike Ölmühlen sind über das ganze Gelände verstreut. Und dann trauen wir unseren Augen nicht: Eine Herde der fast ausgerotteten Mufflons mit ihren so elegant geschwungenen Hörnern grast in nur geringer Entfernung friedlich am Waldesrand! Dieser magische Moment öffnet uns ein Fenster in längst versunkene Zeiten.


Tunesien Jebel Chambi NP


Tunesien Jebel Chambi NP Mufflons  Tunesien Jebel Chambi NP Mufflons

Je weiter wir nach Süden kommen, desto einfacher werden die Dörfer und Weiler, desto mehr versteppt die Landschaft. Den vorherrschenden Bewuchs bilden Büschel aus Halfa-Gras, das für die Papierherstellung und aufgrund seiner festen Substanz insbesondere zur Herstellung von Papiergeld Verwendung findet. In Gafsa, dem Verwaltungszentrum dieser südlichen Region, besuchen wir das antike römische Bad und das dort befindliche kleine Museum, bevor wir weiter nach Metlaoui fahren.

Tunesien Gafsa Römisches Bad

Metlaoui ist eine Bergbaustadt, die vom Phosphatabbau lebt. Von hier kann man mit einem französischen Salonzug aus dem Jahre 1919, dem Lézard Rouge (Rote Eidechse) die Seldja-Schlucht durchfahren. Heute ist Freitag und die nächste Fahrt findet erst Sonntag früh statt. Also fahren wir auf kleinen Nebenstraßen wenige Kilometer in Richtung Tozeur, das heißt hinaus in die Wüste, um uns bis Sonntag eine Ruhepause zu gönnen.

Tunesien  Metlaoui Bahnstation

Abends fängt es plötzlich an zu regnen. Wir flüchten in unseren Camper und beobachten das nicht gerade alltägliche Ereignis eines heftigen Wüstenschauers. Doch da bricht auch schon wieder die Sonne durch und vor uns wächst aus dem sandig-steinigen Wüstenboden ein buntes Band, zieht sich bogenförmig immer höher und entfaltet die ganze Farbenpracht eines kräftigen Regenbogens! Fasziniert verfolgen wir dieses unerwartete Naturschauspiel von Sonne, Wolken, Wind und Regen, das die Wüste und die dahinter liegenden Berge in ein diffuses Licht taucht.

Tunesien Wüste  bei Metlaoui

Endlich ist es soweit: Wir besteigen am Bahnhof von Metlaoui den Lézard Rouge zusammen mit einem bunten Haufen Touristen: Tunesier, Franzosen, Japaner, Deutsche und die Crew eines polnischen Fernsehteams nehmen in den eleganten Salonwagen ihre Plätze ein. Zunächst zuckelt der Zug durch die Stadt, eskortiert von einem Polizisten mit Motorrad, dann geht es in die Berge, das heißt wir fahren durch ein riesiges Phosphatabbaugebiet, durch gigantische Abraumhalden, bevor wir die imposante Seldja-Schlucht erreichen. Während der Fahrt durch den hohen Canyon, der immer wieder von stockfinstren Tunnels unterbrochen wird, hält der Zug einige Male an, um den Mitreisenden die Gelegenheit zum Fotografieren zu geben. Als Erfrischung werden Minztee und Cola gereicht. Nach zwei Stunden sind wir am Ausgangspunkt, dem Bahnhof von Metlaoui, zurück.

Tunesien Seldja-Schlucht Lezard Rouge

05 Datteloasen

Auf der Weiterfahrt zu der Bergoase Midès verfahren wir uns und landen zunächst an der algerischen Grenze: Die mitgeführte Michelinkarte erweist sich ein weiteres Mal als ungenau. Doch dann erreichen wir doch noch den wunderbar schattigen Palmenhain der Oase Midès. Mit unserem Führer Salem durchwandern wir ein Stück weit eine der gewaltigen bis zu sechzig Meter tiefen Schluchten, bevor wir das alte, aus Lehmziegeln erbaute Dorf besichtigen. Es ist seit den 1970er Jahren, als schwere Regenfälle viele Häuser zum Einsturz brachten, nicht mehr bewohnt. Wir erstehen einige Souvenirs, aus Kamelknochen gearbeitete Halsketten und Sandrosen. Letztere sind fragile Gebilde, entstanden aus aufsteigendem Grundwasser, das sich mit Gips und Quarzsand verband. Als wir uns mit Pfefferminztee von unserer Wanderung erholen und uns ein bisschen mit den Männern unterhalten, meinen sie zur politischen Lage, es wäre zwar gut, dass Ben Ali weg sei, zum Besseren hätte sich allerdings noch nichts geändert. Sehr viele Familien litten Not, weil immer mehr Jobs wegfallen und auch die Touristen ausbleiben. Auch die Sicherheitslage hätte sich verschlechtert, denn die Polizei sei praktisch nicht mehr existent.

Tunesien  Mides  Tunesien  Mides

Tunesien  Mides

Unser nächstes Ziel ist die Wüstenstadt Tamerza. Als wir uns am ersten Kreisverkehr suchend umblicken, fragt uns ein junger Mann nach unseren Wünschen. Wir sind hungrig und suchen ein Restaurant. Daraufhin führt er uns in das hübsche und wie sich herausstellt auch gute Restaurant Diari, das abseits in einer kleinen Seitenstraße liegt. Wir nehmen das Menü und bereuen unsere Entscheidung nicht: Zuerst wird uns ein kleines Antipasto bestehend aus Thunfisch und Oliven zu Weißbrot gereicht, dann folgt die leicht scharfe Chorba-Gemüsesuppe. Als Primo gibt es eine so genannte Tajine, bei der es sich um einen festen Auflauf aus Gemüse, Kartoffeln und Fleisch handelt. Den Hauptgang bildet ein Couscousgericht mit Lammfleisch und scharfer Sauce, abgerundet wird das Ganze mit Orangen, Datteln und einem Glas gesüßten Pfefferminztee. Köstlich!

Tunesien Tamerza  TunesienTamerza

So gestärkt lassen wir uns von dem sympathischen jungen Mann, der uns nach dem Essen abholt und sich als Bessi Melki vorstellt, zuerst durch die verfallene Altstadt von Tamerza führen, dann durch die Palmenhaine und endlich besuchen wir den malerischen Wasserfall von Tamerza und durchwandern ein Stück weit die steile Schlucht mit den hohen Felswänden, bevor wir uns in einem kleinen Café mit Minztee bewirten lassen und einige Souvenirs erstehen. Die malerischen Schluchten hier in den Bergen dienten als Filmkulisse sowohl für „Der englische Patient“ als auch „Krieg der Sterne“.

Tunesien Tamerza

Wir decken uns im großen Stil mit Datteln ein und weil das nicht reicht, besorgt uns Bessi, der sich wirklich als Glücksfall erweist, auch noch Dattelsetzlinge für unseren Garten in Italien. Für deren Aufzucht und Pflege bekommen wir von ihm eine genaue Anleitung.

Tunesien Tamerza

Auf dem Weg nach Touzeur machen wir Halt an der Grande Cascade, um die sich viele bunte Verkaufsstände angesiedelt haben, die der noch ausbleibenden Touristen harren. Als wir abends – wir lagern fast auf Passhöhe in den kargen Bergen – den Sonnenuntergang hinter grandiosen purpurnen Canyons und den Blick in die Ebene genießen, besucht uns Mustafa. Auch er beglückt uns mit Dattelpalmsetzlingen. Auf unsere Frage bestätigt er, dass es hier Schlangen gibt, die aber nur bei großer Trockenheit beißen würden. Im Moment bestünde keine Gefahr. Er zeigt auch gleich die beiden Narben an seinen Armen, die er als Andenken von Bissen giftiger Hornvipern zurückbehielt. Er hätte sich damals den Arm fest abgebunden und die Bissstellen in Ermangelung eines Messers mit einem scharfen Stein aufgeritzt und möglichst ausbluten lassen. Die Schlangen wären nicht sehr groß gewesen und als junger Mann hätte er noch ein kräftiges Herz gehabt und so konnte er überleben.

Tunesien Grande Cascade 
Tunesien Berge bei  Grande Cascade

06 Durch das Schott El Gharsa nach Touzeur

Nachdem wir die Berge verlassen haben, fahren wir am Rande des Schott El Gharsa Richtung Touzeur. Den Süden Tunesiens durchzieht von West nach Ost ein breites Band dieser Schotts, große Salzseen, die im Sommer austrocknen, so dass nur eine Salzkruste zurückbleibt, die jetzt im April aber noch einen relativ hohen Wasserstand haben. Man sollte unter keinen Umständen mit dem Fahrzeug den Schotts zu nahe kommen, um nicht mindestens bis zu den Achsen im Schlamm zu versinken. Vielleicht erinnert sich noch manch einer an Karl Mays „Durch die Wüste“, in dem eine Schottdurchquerung sehr spannend beschrieben ist.


Tunesien am Rande Schott El Gharsa

Der Himmel wird immer trüber und kaum erreichen wir Touzeur, das Verwaltungszentrum der Region, ist ein Sandsturm in vollem Gange. Trotzdem besichtigen wir, nachdem wir uns auf dem Markt mit allem Nötigen versorgt haben, die wunderbare in Lehmziegeltechnik errichtete Altstadt. Die Fassaden der Häuser und Paläste sind filigran durchbrochen und vermitteln einen ganz besonderen architektonischen Reiz.

Tunesien Touzeur Altstadt 
Tunesien Touzeur


07 Hammam und Campingplatz

Wir verlassen das „Tor zur Wüste“ Richtung Degache. Ein Campingplatz mit Dusche wäre jetzt eine feine Sache! Oder noch besser: ein Campingplatz mit einem Hammam! Hier gibt es heiße Mineralquellen, die Linderung bei allerlei Beschwerden bringen sollen. Als wir suchend die Umgebung von Degache abfahren, hält neben uns ein weißer Pkw und ein junger Mann in Begleitung einer älteren Frau, wohl seine Mutter, fragt, nach was wir suchen. Auf unsere Antwort „einen Campingplatz mit einem Hammam“ reagieren beide ratlos. Doch dann fordern sie uns auf, ihnen zu folgen. Allerdings halten wir nach etwa viertelstündiger Fahrt weder an einem Campingplatz noch an einem Hammam, sondern im Ort Sabaa Sabar in einer Nebenstraße vor einem Café, das in einer kleinen Gartenoase liegt. Hier sollen wir etwas essen und trinken und würden dann bald wieder abgeholt werden.

Das Café ist schattig und kühl, der umgebende Garten hübsch angelegt, das Thunfisch-Baguette mit scharfer Harissa-Paste schmeckt lecker und das Cola ist eiskalt. Da ist es auch nicht so schlimm, dass unser weißer Pkw erst eine geraume Zeit später wieder auftaucht. Der Fahrer bedeutet uns, ihm zu folgen. Es geht in den nächsten Ort und dort in eine kleine, staubige Nebenstraße. Unser Ziel stellt sich als Hammam El Chifaa heraus. Der Eingang für Männer ist links, der für Frauen rechts. Ich stopfe Handtuch und Shampoo in eine Tüte und mache mich in meinen rosa Plastiksandalen auf den Weg.

Nur mit einer Unterhose bekleidet wie die anderen Damen auch folge ich meiner Masseuse in die feucht-heißen Räume, von denen der Putz bröckelt. Die Güsse mit heißem Wasser lasse ich stoisch über mich ergehen. Dann wird mir bedeutet, mich auf eine Steinbank zu legen. Meine Masseuse, die über beachtliche Körperkräfte verfügt, legt ihren ganzen Ehrgeiz hinein, mir auch das kleinste abgestorbene Hautpartikelchen vom Leibe zu schrubben, um anschließend triumphierend auf die abgelösten Hautfusseln zu zeigen, die mit einem erneuten Schwall heißen Wassers von meinem Körper gespült werden. Vollkörperpeeling! Ich verlasse das Hammam in der Sicherheit, noch nie im Leben so sauber gewesen zu sein. Eine Ruhepause ist anschließend dringend zu empfehlen!


Tunesien  Hamam El Chifaa

Am Ortseingang von Degache (von Touzeur kommend) finden wir endlich einen geöffneten Campingplatz. Er ist schattig in einem Palmenhain gelegen und verfügt über saubere Duschen und Toiletten. Seine Öffnung verdankt er wohl dem Umstand, dass ein kleines Restaurant und eine Bar für Einheimische angeschlossen sind. Diese Nacht wird noch spannend, denn plötzlich hat sich Wolfi selbstständig gemacht und bleibt stundenlang verschwunden. Wir stolpern in der Dunkelheit durch den Palmenhain verzweifelnd nach unserem Hund rufend bis plötzlich draußen auf der Straße das wütende Gebell anderer Hunde ertönt. Auf diesen Lärm nehmen wir Kurs und tatsächlich verbellt die Hundemeute unseren Wolfi, der die Straße entlang trottet. Er ist ganz froh, dass wir ihn aus dieser Situation retten. Was war nur in ihn gefahren?

Tunesien  Oase vor Touzeur


08 Marabuts und Nationalparks

Nicht weit von Degache befindet sich der architektonisch interessant gestaltete des Sidi Bou Marabut Hellal, daneben liegt ein zweiter Marabut, hinter dem ein Weg hinunter in eine tiefe Schlucht führt, die ebenfalls als Filmkulisse für „Krieg der Sterne“ diente.


Tunesien  Marabut Sidi Bou Hellal LU

Unser nächstes Ziel ist Kebili. Wir wollen nicht die neue Straße, sondern eine Piste durch das Schott nehmen. Deshalb fahren wir zunächst entlang des Nordrands des Schott El Jerid und der Südflanke des Jebel Morra und des Jebel Asker. Hier befindet sich auch der Dedghoumes-Nationalpark, in dem Gazellen, Orix-Antilopen und Mufflons beheimatet sind. Am großen Tor werden wir leider abgewiesen: Der Park befinde sich im Aufbau, Besucher seien noch nicht zugelassen. Am Ende des Parks suchen wir uns am Zaun ein Plätzchen für das Nachtlager. Wieder einmal verdüstert ein aufziehender Sandsturm den Himmel. Wir bekommen Besuch von den Parkwächtern. Sie erzählen uns, früher hätte es auch außerhalb des Parks Gazellen gegeben, doch seien diese von reichen Saudis und Katarern gejagt und ausgerottet worden.

Tunesien Nordrand Chott El Jerid
Tunesien am Rande Schott El Gharsa

In diesem kargen Weideland stoßen wir immer wieder auf Nomadenzelte und begegnen Kamelherden. Etwa 43 Kilometer nach der Ortschaft Deghoumes zweigt rechts die Piste ab, die mitten durch das Schott führt (N 34°1’57.41 - O 8°48’20.90) und nach 26 Kilometer bei  der Ortschaft Zet El Hareth wieder auf die Teerstraße stößt. Die Piste erweist sich als gut befahrbarer Damm durch die überflutete Salzsenke. Überrascht sind wir von den vielen Palmpflanzungen, die sich bis weit ins Schott erstrecken. Sie beziehen ihr Wasser aus fossilem Grundwasser. Aus den heißen Thermalquellen speisen sich auch die Hammams von Kebili. Das Städtchen ist das Zentrum der Nefzaoua-Region und ein quirliger Marktplatz. Einst war es ein wichtiger Ort an den Karawanenstraßen und ein Umschlagplatz für Sklaven, wovon die vielen dunkelhäutigen Tunesier dieser Gegend zeugen.

Tunesien Schott El Jerid


09 Ausflug in die Dünen

Nach Kebili geht die Teerstraße bald in eine Piste über und wir befinden uns wieder in der gut gefluteten Schottpfanne. Nach der Fahrt durch unzählige Dattelplantagen erreichen wir Douz, das Tor zur Wüste. Neben dem Marktplatz wird ein großer Tiermarkt abgehalten. Wir besuchen das nett gemachte volkskundliche Musée de Sahara, bevor wir uns, vorbei an dem schicken „Hotel Tuareg“  und den auf Kundschaft wartenden Kamelreitern, hinaus in die Wüste wagen.


Tunesien bei Douz Sahara

Schon bald führt links eine Piste in das Dünengebiet. Es ist schon recht spät, der Sandsturm hat an Stärke zugenommen und taucht die Gegend in ein unwirklich diesiges Licht. Als wir noch die Route überlegen, hält neben uns ein älterer, schmächtiger Mann auf einem Enduro-Motorrad. Er fragt, wohin wir wollen. „Zu den Dünen“, erklären wir. Er bedeutet uns, ihm zu folgen. Bald schon endet die Piste und wir stehen inmitten eines kleinen Dünenfeldes. Unser „Mopedfahrer“ ist weit voraus, winkend steht er auf einer Düne. Ihm durch dieses Dünenfeld zu folgen, stellt eine Herausforderung dar. Doch unser VW-Bus hält sich gut und nach einiger Zeit stoßen wir wieder auf eine unscheinbare Piste. Schon bald findet sich ein geeigneter Lagerplatz. Der alte Herr weist uns noch ein und beschenkt mich mit einer Pfeilspitze, bevor er sich winkend verabschiedet. Jetzt steht einer romantischen Vollmondnacht in den Dünen nichts mehr entgegen.

Tunesien bei Douz Sahara

Tunesien bei Douz Sahara

Tunesien bei Douz  Sahara


10 Wieder nach Norden durch das Schott El Fejadj und die Blauen Berge

Da auch am nächsten Morgen der Sandsturm noch ziemlich heftig tobt, beschließen wir nach einer weiteren Dünenfahrt es mit der Sahara zu belassen und über Douz, Kebili, Steftimi  zurück durch das Schott El Fejadj nach Es Segui zu fahren. Vor uns liegen die eindrucksvollen „Blauen Berge“, des Jebel Al Barani. Als wir die Berge erreichen, nach Gafsa sind es noch etwa 64 Kilometer, folgen wir einer kleinen Piste (N 34°3’18.38 / O 9°8’54.31), die um einen Berg zu einem geschützten Talkessel führt. Mehrere Feuerstellen zeugen davon, dass dieser Taleinschnitt schon öfter als Rastplatz diente.


Tunesien  Chott El Fejadj

Bei Einbruch der Nacht senkt sich totale Dunkelheit über die Berge. Nicht ein Licht ist nah oder fern auszumachen, nur wenige Sterne verbreiten einen schwachen Schein. Kein Geräusch weit und breit stört die Stille, nur das Blut in den Ohren rauscht. Wir könnten uns auch auf dem Mond befinden. Endlich kündigt sich durch einen ersten Lichtschein auf dem hinter uns liegenden Bergrücken der aufgehende Vollmond an. Wir wähnen uns völlig allein auf diesem Planeten.

Tunesien Lager Jebel Al Barani


Denkste! Plötzlich ist Motorengeräusch zu hören und tatsächlich kommt ein Pickup unsere Piste entlang gefahren. Natürlich sehen uns dessen Insassen im Mondschein sitzen und kommen direkt mit aufgeblendeten Scheinwerfern auf uns zu. Wolfi bellt laut und energisch. Wir stehen auf und gehen auf das nun haltende Auto zu. Auf dem Pickup sind einige Lämmer geladen, die ängstlich blöken.  Im Auto sitzen zwei Männer, die nun die Scheinwerfer aus und dafür die Innenbeleuchtung des Autos einschalten, damit wir sie erkennen können. Das nimmt gleich alle Spannung aus der Situation. Uns ist nicht ganz klar, was sie hier wollen. Nein, ein Lamm möchten wir nicht geschlachtet haben. Na, dann bekommt Hellmut ein Bier und ich einen Joghurt geschenkt. Die Beiden verabschieden sich und fahren mit ihren laut blökenden Lämmern davon. Das tunesische Celtia-Bier schmeckt wirklich nicht schlecht.

Die Weiterfahrt überrascht mit ganz besonderen Landschaftserlebnissen. Zunächst  führt die Straße durch die Blauen Berge, an deren Scheitelpunkt man beidseitig der Passstraße gut erhaltene Teile des südlichen Römischen Limes ausmachen kann. Anschließend passieren wir am Jebel Om Ali einen Militärposten. Nun führt die Straße hinunter auf eine große Ebene mit vereinzelten Nomadenzelten.


Tunesien nahe Jebel Om Ali  Röm.Limes

Vor El Guettar biegen wir rechts nach Bou Omrane ab. Wir befinden uns inmitten blühender Frühlingswiesen und einer malerischen Bergkulisse. In Bou Omrane fahren wir rechts (Vorsicht: die Staße links ist eine Sackstraße in das alte Bergdorf), dann bis zu einer Kreuzung, wo wir der Teerstraße rechts folgen (nicht geradeaus). Nach etwa 8,5 Kilometern zweigt nach ein paar Häusern links eine Piste zu einer Schlucht ab, deren Felseneinschnitt schon zu sehen ist (N 34°21’768’’ / O 9°13'122’’). Die Durchfahrt durch den Canyon ist wildromantisch, doch für große Fahrzeuge unmöglich. Mit unserem 2,50 m hohen VW-Camper haben wir kein Problem. Als wir die Schlucht passiert haben, kommt das Dorf Sakket in Sicht, von dem die Straße weiter hinauf auf den Jebel Baida (1163 m) führt. Es eröffnen sich atemberaubende Panorama-Ausblicke auf die zerklüftete Bergwelt.

Tunesien Schlucht  bei Sakket

11 Der Jebel Haddège und sein Nationalpark

Nun geht es wieder hinunter in die Ebene, über Sened – hier machen wir in einem Olivenhain Lager – und Sened Gare nach Menzel Bouzaiane. An der dortigen Kreuzung führt eine kleine Teerstraße rechts zum Jebel Haddège. Direkt dort, wo die steile Auffahrt auf den Jebel beginnt, folgen wir zunächst rechts einem schmalen Fußpfad zu einem Aussichtspunkt. Von hier hat man den Blick auf eine unterhalb gelegene Oase, aus deren Tümpel lautes Froschgequake ertönt.


Tunesien Jebel Haddège

Nachdem der Gipfel des Jebel Haddège erreicht ist, weitet sich der Blick auf eine wunderbar weite Ebene mit Akazienbäumen. Auf der Weiterfahrt kommen wir rechter Hand an einem Marabut vorbei. Nicht weit von hier entspringt die inmitten von Palmen und Oleandern gelegene, leider etwas vermüllte, warme Haddège-Quelle. Heute ist Ostern und eigentlich wollten wir hier Lager machen. Doch es sind viele Einheimische an der Quelle, die Männer baden, und auch der Marabut ist gut besucht, so dass wir beschließen, weiter hinunter in die Ebene zu fahren.

Tunesien Quelle J.Haddège

Bei N 34°26.254 / O 9°27'425 erreichen wir eine Kreuzung. Wir fahren nun entlang des Zauns, der den Nationalpark Jebel Haddège begrenzt, nach links und machen bald Lager. Schon bald können wir im Park die ersten Strauße sichten. Diese sind hier getrennt vom Nationalpark Bou Hedma untergebracht, da es dort auch Schakale und Füchse gibt, für die Straußeneier eine Delikatesse sind.

Tunesien Akazienebene

Tunesien  Jebel Haddège NP

Wir bekommen Besuch. Ali ist etwa sechzehn und wohnt in dem benachbarten Bauernhof. Als er geht, schenken wir ihm eine Tafel Schokolade und schon bald darauf bringt er uns eingelegte Oliven, ein Fläschchen wirklich wohlschmeckendes Olivenöl und frisches Fladenbrot von seiner Mutter. Ali ist nicht unser einziger Besuch, auch zwei Parkwächter schauen vorbei. Sie erklären, dass wir uns die Genehmigung für den Besuch des Jebel-Haddège-Nationalparks bei der Forstverwaltung in Gafsa besorgen müssten. Dorthin brechen wir am nächsten Morgen unverzüglich auf.

Tunesien bei Jebel Haddège Akazienebene


12 Brennende Barrikaden in El Guettar und anderswo

Etwa achtzehn Kilometer vor Gafsa passieren wir das Städtchen El Guettar, wo uns eine böse Überraschung erwartet: Es sind Barrikaden aus brennenden Autoreifen und umgestürzten Lastkraftwagen errichtet, die von einer beträchtlichen Anzahl junger Männer verteidigt werden. Verblüfft bremsen wir ab. Neben uns hält ein Pkw und ein älterer Herr fordert uns freundlich und in deutscher Sprache auf, ihm zu folgen. Er lotst uns durch Nebenstraßen von Wohnvierteln und Zufahrtswegen von Palmhainen durch die Stadt. Auf der Weiterfahrt nach Gafsa bemerken wir, dass nicht nur die Straßen, sondern auch die Schienen blockiert sind: Güterzüge, beladen mit Phosphat für die Verschiffung im Hafen von Skhira, fahren zurück in die Beladebahnhöfe. Phosphat, ein gefragter Grundstoff für die Herstellung von Kunstdünger, wird im großen Maßstab in den nahe gelegenen Bergen bei Metlaoui abgebaut. Hauptabnehmer sind heute der Iran, Indien und China.


Tunesien  El Guettar

In Gafsa angekommen, wollen wir uns bei Mohammed für unsere Rettung mit einer Einladung zum Tee bedanken. Wir fahren in das schicke Hotel Jugurta. Doch dessen Einfahrt ist von einem starken Eisengitter versperrt und ein Panzer ist in Stellung gebracht. Man hat Angst vor Plünderungen. Gäste werden eingelassen und bei Pfefferminztee erfahren wir von Mohammed, dass er ehemals Vizebürgermeister von El Guettar war – bevor das Rathaus geschlossen und bis jetzt nicht wieder eröffnet wurde.

Tunesien Gafsa Hotel Jugurta

Der Anlass für die heutigen Unruhen sei die hohe Arbeitslosigkeit in der Region, klärt uns Mohammed auf. Allein in El Guettar hätten früher 750 Menschen Arbeit im Bergbau gefunden, jetzt seien aus dem Ort nur noch 120 Arbeiter bei der staatlichen Bergbaugesellschaft beschäftigt. Es käme nicht nur zu Streiks und Barrikadenbau in El Guettar, sondern nachts hätten auch die Gebäude der Polizei und des Finanzamts gebrannt.

Tunesien  El Guettar

Unser Gespräch wird von einem Anruf unterbrochen. Mohammed wird informiert, dass in der Stadt El Guettar den in den Bergen liegenden Phosphatminen das benötigte Wasser von den Protestierenden abgedreht wurde.

Tunesien  El Guettar

Mohammed erzählt von den Streiks der Phosphatarbeiter, die in den letzten Tagen in Metlaoui stattgefunden haben und von der versuchten Selbstverbrennung eines Mannes und seiner beiden Söhne in der Stadt Sidi Bouzid. Grund dafür war die Ablehnung eines Antrags des Mannes auf Zahlung einer Altersrente durch die tunesische Krankenkasse. Wenigstens ein Familienmitglied müsse ein Einkommen haben, um die Familie ernähren zu können, erklärt Mohammed. Dieser Fall wies eine besondere Tragik auf, da ein Sohn, der als Wachmann einer Tourismuseinrichtung für das Familieneinkommen zuständig war, während der Revolution ermordet wurde.

Tunesien  El Guettar

Mohammed sympathisiert sichtlich mit den Aufständischen in El Guettar. Für Ben Ali und dessen Entourage, die das große Geld einsackten, hat er wenig übrig. Er macht eine feine Unterscheidung: Die ehemalige Regierungspartei RCD wäre nicht die Partei des gestürzten Ben Ali gewesen, sondern immer noch die Partei von Habib Bourguiba, des ersten tunesischen Präsidenten nach der Unabhängigkeit. Er ist der Meinung, dass die heute stärkste Partei Ennadha für einen toleranten Islamismus steht und deshalb von vielen Menschen gewählt werde.

Tunesien  El Guettar

In Gafsa findet heute eine kleine Pro-Palästina-Demonstration statt und Amnesty-International hat im Stadtzentrum einen Stand aufgebaut. Die Forstverwaltung hat geschlossen.

Tunesien Gafsa

Später erfahren wir, dass am heutigen 9. April, dem Tag der Märtyrer, auch in Tunis große Demonstrationen stattgefunden haben. Doch schon bald nach Beginn der friedlichen Demonstration gingen Aufnahmen um die Welt, die belegen, mit welch brutaler Gewalt die neuen Machthaber die Demonstranten auseinander trieben. Nicht nur Tränengas und Schlagstöcke kamen zum Einsatz, sondern auch vermummte Sondereinsatzkommandos und mit Pumpguns bewaffnete Zivile gingen gegen die Demonstranten, darunter auch Frauen und Kinder, vor.

An diesen Abend sehen wir beim Campen in einem Wadi unweit von El Guettar über der Stadt schwarze Rauchsäulen stehen. Am nächsten Tag erfahren wir, dass diesmal das Gebäude der Nationalgarde brannte. Geschäfte, Banken, Cafés bleiben geschlossen. Weitere Städte schließen sich den Protesten an, es kommt unter anderem zu Unruhen in Hammamet, Sfax und Sidi Bousid. Im Süden Tunesiens wird der Ausnahmezustand verhängt.

13 Game-Drive im Bou-Hedma-Nationapark

Wir starten noch einen Versuch, mit der Unterstützung Mohammeds eine Besuchserlaubnis für den Jebel-Haddège-Nationalpark zu bekommen. Doch vergeblich. Wie uns Mohammed erklärt, ist die gesamte Administration verwirrt und verunsichert. Keiner weiß, wie die neuen Gesetze aussehen werden, ob die alten noch gelten, und ob man überhaupt seinen Arbeitsplatz behalten wird oder gehen muss, weil man zur alten RCD-Partei gehörte oder nicht bei der neuen Ennahda-Partei ist. Was ist richtig, was ist falsch? In der Regel folgen die Angestellten dem Grundsatz: ruhighalten und abwarten. Es werden keine Bewilligungen mehr ausgestellt, keine Entscheidungen getroffen. Das Rechtssystem ist paralysiert. Reformen ruhen, die Korruption steigt, Müllberge wachsen und man fragt sich, wie dieser Staat überhaupt noch funktionieren kann.

Wir fahren zum Bou-Hedma-Nationalpark, um dort unser Glück zu versuchen. Die Nacht verbringen wir unter Akazien, nahe am Eingangstor. Einige junge Männer kommen und wollen uns überreden, innerhalb des Parks zu lagern. Doch wir sind schon „bettfertig“ und so bleiben wir lieber, wo wir sind. Am nächsten Tag erfahren wir, dass die Jungs von der Parkleitung verdonnert wurden, die ganze Nacht auf uns aufzupassen.


Tunesien  Akazienebene nahe Bou-Hedma-NP

Der Bou-Hedma-Nationalpark erweist sich als Volltreffer. Nachdem wir das lohnende Museum besucht haben – hier erfahren wir, dass viele Tiere aus deutschen Zoos ausgewildert wurden und der Bou-Hedma-Nationalpark gute Kontakte zur Darmstädter Uni und zum dortigen Zoo pflegt – geht es mit dem Leiter des Parks, dem sympathischen Lozhar Hamdi auf Game-Drive. Gleich am Parkeingang stoßen wir auf eine Herde Oryx-Antilopen und direkt neben uns erhebt sich ein stolzer Adler in die Lüfte. Kurz darauf sichten wir die ersten Thomson-Gazellen. In einem Gehege befinden sich einige Mufflons, hier steht auch der angeblich größte und älteste Eukalyptusbaum Afrikas.

Tunesien  Bou-Hedma-NP Oryx-Antilopen


14 Schafwiesen und Filmaufnahmen

Wegen der Unruhen nehmen wir bevorzugt Nebenstraßen. Über Mezzouna und Jelma fahren wir vorbei an Sidi Bouzid, an der nächsten Kreuzung Richtung Jelma und dann weiter nach Hajeb El Ayoun, wo wir Richtung Hbabsa abbiegen. Hier suchen wir uns einen Lagerplatz nahe eines Wadis. Wir bekommen Besuch von einer lustigen Schafhirtin mit ihrer Tochter und von einem wohlhabenden Tunesier in einem schicken Nissan-Patrol, der sehr gut Italienisch spricht. Er habe viele Jahre in Norditalien gearbeitet und besitze jetzt mehrere Häuser und ein Hammam im nächsten Ort. Für die Nacht lädt er uns zu sich ein. Wir sind aber schon wieder „bettfertig“ und ziehen als Schlafplatz die Schafwiese vor. Wir staunen aber nicht schlecht, als der nette Tunesier, den wir wegen seines italienischen Habitus’ „Giuseppe“ nennen und der in Wirklichkeit Sayed heißt, am nächsten Morgen mit einem Kameramann von der örtlichen Fernsehstation erscheint und uns über unsere Reise interviewt. Er wolle dokumentieren, dass man auch im heutigen Tunesien gut und sicher reisen kann. Die Reste brennender Autoreifen, die wir auch auf der Fahrt hierher, zum Beispiel in Jelma, gesichtet haben, bringen wir dabei nicht zur Sprache.


Tunesien Schafhirtin bei Hbabsa

Auf der Weiterfahrt kommen wir durch ein sehr malerisches Gebiet. Riesige Zyklopenfelsen ragen in den Himmel, dazwischen Wadis, Palmen, Pinien, grüne Hügel.

Tunesien bei Oum El Abouab


15 Makhtar und eine kaputte Lichtmaschine

Kurz nach der Ortseinfahrt von  Makhtar  haben wir unsere erste – und einzige – Autopanne. Die Lichtmaschine funktioniert nicht mehr. Ich kann gerade noch das rechter Hand gelegene neopunische Mausoleum fotografieren als uns auch schon hilfsbereite Einheimische zur nur wenige Meter entfernten Autowerkstatt eskortieren. Wie wir erfahren, sind heute viele Geschäfte in Makhtar wegen Unruhen, die auch aus Sidi Bouzid und Sbeitla gemeldet werden, geschlossen. Auf die Frage nach der aktuellen politischen Situation bekommen wir sehr unterschiedliche Antworten: Einige sind der Ansicht, es wäre vieles besser geworden, endlich dürfe man ohne Angst vor Repressionen seine Meinung äußern. Dagegen sagen andere, es herrsche das totale Chaos, weder kommunale Verwaltungen noch Müllabfuhr funktionierten und die Zukunft würde schlimm werden. Ein weiterer meint, er habe Bedenken, weil jetzt überall Salafisten und Moslembrüder auftauchten und den strengen Islam verbreiten wollten, dabei tränken doch viele Tunesier am Freitag nach dem Moscheebesuch gerne ein Bierchen. Insgesamt scheint die Freude über den Fall von Ben Ali immer mehr einer allgemeinen Verunsicherung bezüglich der Zukunft des Landes zu weichen.

Doch wir müssen uns wieder um unsere eigenen Probleme, das heißt um die defekte Lichtmaschine kümmern. Hellmut ist entzückt von der Art und Weise, wie der große Meister dieser unscheinbaren Autowerkstatt unsere Lichtmaschine repariert. Nachdem sie auseinander genommen ist, wird ein neuer Kupferdraht für den Kollektor gewickelt, das Ganze mit Hilfe des Pluspols einer alten, erwärmten Taschenlampenbatterie verlötet, der Kollektor mit neuer Kupferwicklung mittels des Keilriemens und einer Schleifscheibe auch noch poliert und schon funktioniert wieder alles bestens! Kostenpunkt: 25 EUR.

Tunesien  Makhtar Reparaturwerkstatt

Und dann wird für uns das Ausgrabungsgelände von Mactaris geöffnet, das heute eigentlich auch geschlossen bleiben soll. Wir freuen uns, das weitläufige Gelände besichtigen zu können. Aus einer numidischen Siedlung aus dem 3. Jh.v.Chr. wurde im Jahre 46 v.Chr. eine römische Stadt, die später die  Byzantiner weiter ausbauten. Zu bewundern sind die Reste eines punischen Hathor-Miskar-Tempels, Megalithengräber, ein Trajansbogen, das Amphitheater, das römische Forum und vieles mehr.

Tunesien  Mactaris

Nach so viel Kultur stärken wir uns mit einem Brik. Das ist ein sehr dünner Teigfladen, nach Wahl gefüllt mit Thunfisch/Hackfleisch/Krabben, zerdrückten Kartoffeln, Salz, Pfeffer, Paprika, Kapern, aber immer mit einem rohem Ei, gebacken in heißem Fett. Schmeckt sehr lecker!
 


16 Über den  Forêt de Kesra zurück an die Küste

Wir nächtigen im Forêt de Kesra unter Pinien. Es ist recht kühl geworden und regnet die ganze Nacht. Die Forstwege haben sich in einen schmierigen Morast verwandelt. Wir schaffen es glücklicherweise ohne stecken zu bleiben bis auf die Teerstraße, doch hat sich um die Hinterreifen eine derartige Schlammrolle gewickelt, dass die Reifen abmontiert und Achsen und Radhäuser vom Schlamm befreit werden müssen.


Tunesien im  Forêt de Kesra

Wir erreichen das Dorf Kesra, in dem heute Markt ist. Von hier geht es steil hinauf in die Berge, in das alte malerische Berberdorf La Kesra. Direkt in das Dorf ergießen sich aus dem Fels Wasserfälle. Das Wasser wird in Brunnenanlagen gesammelt. Wir steigen über Treppen hinauf in die obere Stadt zur alten byzantinischen Burg, wo ein kleines, aber modern gestaltetes Berbermuseum neu eingerichtet wurde. Hinter dem Dorf geht es hinaus auf das Plateau. Wir befinden uns in etwa 1100 m Höhe. Bizarre Riesenfelsplatten erstrecken sich über das gesamte Plateau, auf dem sich vereinzelte Bauernhäuser mit Ziegen, Schafen, Pferden, Misthaufen und viel Müll finden, dazwischen zeugen Überreste von prähistorischen Dolmen von längst versunkenen Kulturen. An der Abbruchkante des Plateaus schweift der Blick über große Ebenen und weit entfernte Berge. Grandios!

74 Kesra

Tunesien  Kesra-Plateau

Tunesien Kesra-Plateau

Zurück zur Küste nehmen wir die kleine, durch eine malerische Berglandschaft führende Straße, die über Quesslatia, Ksar Lamsa und Oum El Abouab und El Fahs führt. Nur noch eine Nacht, die wir auf einer Wiese an einem wilden Flusslauf unterhalb der Berge verbringen, trennt uns von unserem Ausgangspunkt Mornaq.

Tunesien bei El Fahs

An diesem Morgen werden wir durch das Bellen unseres Hundes geweckt, der bemerkt, dass vier Männer um unser Auto schleichen. Die zum Teil älteren Herren sind gut gekleidet und fragen nach unserem Woher und Wohin. Wir geben uns als harmlose Touristen auf dem Weg nach Norden zu erkennen. Nach skeptischer Nachfrage geben sie sich mit unseren Auskünften zufrieden und kehren zu ihrem an der Straße geparkten Auto zurück. War das  Geheimpolizei? Insgesamt haben wir den Eindruck, dass seit den neuerlichen Aufständen vom 9. April die Leute etwas misstrauischer und nervöser geworden sind. Erst wenn wir uns als „touristes allemands“ zu erkennen geben, entspannen sie sich.

17 Ausflüge auf das Cap Bon

Von Mornaq aus unternehmen wir zum Ende unserer Reise noch Ausflüge auf das Cap Bon. Wir fahren über Hammam Lif und Soliman entlang der Küste. Um die lebhaften Städte ist einige Industrie angesiedelt, ansonsten wird viel Landwirtschaft mit Obst- und Gemüseanbau betrieben. Leider müssen wir unsere Küstenfahrt abbrechen, da die Straße durch die starken Regenfällen der letzten Zeit unpassierbar gemacht wurde.

Über Grombalia fahren wir nach Nabeul. Gleich nach der Ortseinfahrt halten wir bei einem Keramikladen. Wir sind sehr überrascht, als wir entdecken, dass sich hinter dem Laden eine komplette kleine Keramikfabrik befindet. Tashine-Schüsseln, Vasen, Aschenbecher und Fliesen werden hier geformt, gebrannt, glasiert und anschließend mit Blumen- und Tiermotiven oder frommen Kalligraphien handbemalt. Der stolze Besitzer führt uns herum und erklärt uns die einzelnen Arbeitsvorgänge. Schwerbepackt mit Einkäufen verlassen wir  den Laden (Mohamed Selmene Kerkeni/269, Bis Av. Du Grand Maghreb, Nabeul).


Tunesien Nabeul Werkstatt Mohamed Selmene Kerkeni
Tunesien Nabeul Werkstatt Mohamed Selmene Kerkeni

Nun besuchen wir noch den Suk von Nabeul. Es sind so gut wie keine Touristen unterwegs und die Händler wirken etwas verzweifelt. Eine Handtasche, für die ich Interesse zeige, wird mir für 40 EUR angeboten. Als ich abwinke, fragt mich der Händler, was ich bereit wäre zu zahlen. Mehr aus Spaß biete ich 7 EUR. Er schlägt sofort ein.

Tuneisen Nabeul Suk

Abends feiern wir in einem guten Restaurant in Tunis den Abschluss unserer Reise. Unsere Freunde raten davon ab, am nächsten Tag für den Weg zum Hafen La Goulette einen Abkürzer zu fahren. Wir sollten den Weg durch die Stadt nehmen, der andere Weg sei wegen Unruhen nicht sicher.

Die Abfertigung am Hafen läuft am nächsten Morgen recht chaotisch ab und mit einiger Verspätung sticht unsere Fähre Richtung Trapani in See.


Tunesien Hafen La Goulette

18 Abschied

Mit unserem alten VW-Camper waren wir vier Wochen in Tunesien unterwegs. Wir waren ebenso von den vielen Naturschönheiten und der wilden Bergwelt wie auch den unglaublich vielen und gut erhaltenen römischen Ruinen des Landes überrascht. Das hatten wir so nicht erwartet, ebenso wenig wie die große Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit der tunesischen Menschen, die uns überall herzlich willkommen hießen.


Tunesien Berberfrau in Gafsa

Fast am Ende unserer Reise angelangt, wurden wir plötzlich mit den politischen Realitäten eines Landes konfrontiert, das sich immer mehr in seiner revolutionären Stunde null zu verheddern scheint, weit davon entfernt, Lösungen für seine gesellschaftlichen und sozialen Probleme zu finden und dessen zukünftiger Weg sich noch nicht wirklich abzeichnet, sondern in dem immer mehr gewaltsame Auseinandersetzungen den politischen Diskurs bestimmen.

Zurück in Deutschland mussten wir Anfang Mai der Presse entnehmen, dass in Tunesien der seit Januar 2011 geltende Ausnahmezustand zum fünften Mal verlängert wurde und jetzt bis Ende Juli 2012 gilt. Als Gründe wurden von Präsidenten Moncef Marzouki angegeben: Demonstrationen und Aufruhr gegen soziale Missstände sowie Kämpfe im Süden des Landes in Zusammenhang mit Waffen- und anderen Schmuggelgeschäften.

Tunesien  Table de Jugurtha Braut

Angelika Gutsche/April 2012




19 Links und Literatur

Youtube-Video “Tunesien 2012”

Reportage: “Tunesien - gefangen in der Stunde null”

 


 

Literatur:

„tunesien“, Ursula Ecker/Ingrid Retterath, Reise Know-How
„TUNESIEN“, Sabine Becht, Michael-Müller-Verlag
„Sahara“, Gerhard Göttler, DUMONT Richtig Reisen

 

 

 

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